Farangs auf Fahrrädern
Reise Magazin - November 2007
Gewusst wo! Wer die richtigen Wege gezeigt bekommt, kann die Millionenstadt Bangkok problemlos mit dem Rad erkunden.
Was macht ein Holländer, der in Bangkok lebt und einige Monate lang nichts zu tun hat? Er kauft sich ein Fahrrad und fährt ziellos durch die Gegend! Das tat zumindest der heute 46-jahrige Andre Breuer, als sein Arbeitsvertrag bei einem Textilunternehmen ausgelaufen war. Was anfangs nur als Zeitvertrieb gedacht war, entwickelte sich schnell zur Geschäftsidee. Als Breuer einige Routen entdeckt hatte, die ihm besonders gut gefielen, startet er sein eigenes Tourismusunternehmen, das geführte Fahrradtouren durch Bangkok anbietet.
„Bangkok dehnt sich auf mehr als 1600 Quadratkilometern aus", sagt Breuer. „Fast jeder hat das gleiche Bild der Stadt im Kopf; einen riesigen Moloch mit unzahlbare Hochhäusern, Tempeln und viel, viel Verkehr. Staus, Tuk-Tuks, zigtausende Motorräder, und Taxis, stinkende alte Busse und Trucks. Nicht unbedingt eine Vorstellung, die dazu einlädt, Fahrrad zu fahren. „Doch seit er die Stadt selbst fünf Monate lang mit dem Drahtesel erkundet hat, ist er sich sicher: „Fahrrad fahren in Bangkok ist eine der besten Sachen, die man machen kann – man muss nur wissen, wohin man fahrt." The Colors of Bangkok", die Farben Bangkoks, nennt sich eine der Touren, die Breuers Agentur „Recreational Bangkok Biking" im Programm hat. Zweimal täglich begibt sich eine Gruppe, die grundsätzlich nicht mehr als acht Teilnehmer umfasst, auf eine 30 Kilometer lange Rundtour, die direkt bei Breuers Büro beginnt. Nach etwa 20 Minuten auf recht verkehrsarmen Strassen werden die Gässchen immer enger und enger: Die Gruppe ist im Yannawa-District angekommen, einem Armenviertel im Süden von Bangkok.
Das ferne Grün der Megacity
„Wenn Sie in Afrika oder Südamerika einen Slum besuchen, kann das sehr gefährlich werden, aber hier in Thailand geht das in Ordnung. Die meiste Thais sind Buddhisten – also naturgemäß sehr friedliche Menschen", erläutert der 31-jahrige Nanthaphong Photchanaphimon, genannt Nicky, der diese Fahrradtouren regelmäßig begleitet. Und in der Tat: Die Radfahrer werden überall freundlich begrüßt, vor allem von dem Kindern, die begeistert winken, wenn die kleine Gruppe vorbeiradelt. Die einfachen Holzhäuser sind offen einsehbar, man schaut direkt in die Kuchen und Wohnzimmer der Menschen. Doch die Anwohner sind das gewohnt, schließlich kommen hier schon längere zweimal am Tag weißhäutige Radfahrer vorbei. „Ausländer aus dem Westen nennen wir hier in Thailand Farangs", erklärt Nicky. „Das Wort kommt ursprünglich von ‚francais', Franzosen, aber das konnten wir nicht so richtig aussprechen." Nach ein paar Minuten stoppt er an einer Schule, die von Bangkok Biking seit mehr als zwei Jahren finanziell unterstützt wird. Das Klassenzimmer ist von der Strasse aus ebenfalls einsehbar. Etwa 30 Kinder befinden sich darin, sie liegen dicht an dicht auf Decken auf dem Fußboden und halten gerade ihr Mittagsschläfchen. Wenig später klettern wir in ein kleines Holzboot, das uns über den Chao-Praya-Fluss in den Phra-Padaeng-Distrikt bringt. Hier tauchen wir in eine völlig andere Welt ein. Kleine, maximal einen Meter breite Betonwege, die von Wassergräben gesäumt sind, führen durch eine grüne, fast dschungelartig anmutende Landschaft. „Ihr müsst gut aufpassen, es gibt hier scharfe 90-Grad-Kurven – wer da geradeaus fahrt, landet direkt im wassert", warnt Nicky. Fahrrad fahren in Bangkok – es ist doch gefährlich! „Die meisten Einheimischen wissen gar nicht, dass dieses Idyll hier existiert. Auch ich selbst bin nie hier hergekommen, bevor ich damit angefangen habe, für Andre zu arbeiten", erzählt Nicky. „Ich habe das Gebiet zwar schon einige Male von Hochhäusern aus gesehen und dachte immer, das sieht so grün aus, was ist das nur? Aber wirklich kennen gelernt habe ich es erst, als ich diesen Job angenommen habe." Bananenstauden und Palmen, Mango- und Papaya- bäume spenden den Radfahrern wohltuenden Schatten. Und doch sind es von hier aus nur fünf Kilometer bis zur Silom-Straße, einer der Hauptschlagadern des Molochs Bangkok. Moloch?
Das Menu spricht herum
Davon ist hier wenig zu spüren. Es ist ruhig, nur die Vögel zwitschern. Ein paar Pfadfindergruppen sind unterwegs. Einen kleinen Pavillon am Rande eines Sees haben die sieben Radfahrer ganz für sich allein. Nicky hat Fischfutter gekauft – doch das lockt nicht nur Fische an, sondern auch einen lieben, schwarz-weiß gefleckten Hund. „ Der kommt jedes Mal, wenn wir hier halten. Er weiß, wenn wir die Fische füttern, hat er leichte Beute", lacht Nicky. Der Streuner schnappt sich einen Fisch, der ihm fast ins Maul geschwommen ist, und zieht mit seiner Beute zufrieden ab. Auch die sieben Radfahrer werden jetzt allmählich hungrig. Ein kleines Straßenrestaurant in der Nahe eines buddhistischen Tempels freut sich über Besucher. Es gibt Shrimps mit Gemüse und Sojasprossen. Kein austauschbares Touristenmenü, sondern typisch thailändische Kost. „Bei ‚Colors of Bangkok' wollen wir die verborgenen Schönheiten der Stadt zeigen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Fahrradtour das Bild das die Besucher von Bangkok haben, für immer verändert", sagt Andre Breuer. Etliche Thais halten ihn für verrückt, denn er gibt Summen für seine Fahrräder aus, für die sich die einheimischen allenfalls Motorräder anschaffen wurden. „Mir gefällt das Fahrradfahren in Bangkok viel besser als in Holland", sagt der gebürtige Holländer. „In meiner Heimat regnet es häufig und es blast ständig der Wind – und zumindest mir kommt es so vor, als ob es meistens Gegenwind ist." Mit Wind haben die Fahrradfahrer in Bangkok keine Probleme, stattdessen jedoch zuweilen mit der Sonne. „Viele Leute machen die Tour am Vormittag, weil sie denken, dass es dann kühler ist. Aber sie vergessen, dass es ja von Stunde zu Stunde warmer wird. Wer die ‚Colors of Bangkok'-Tour hingehen für den Nachmittag bucht, trifft eigentlich die klügere Wahl, denn dann ist es zwar anfangs meist eher heiß, wird aber von Stund zu Stunde angenehmer." Ein Vorteil der Tour ist aber so oder so, dass die Pedalritter ohnehin etwa die Hälfte der Zeit unter Schattenspendenden Bäumen fahren. „Unser ältester Teilnehmer war 78 Jahre alt und auch der hat die Tour ohne Probleme geschafft", sagt Andre Breuer.
Das wahre Ausdauertraining
Eine Tour durch Bangkok wäre unvollständig, wenn nicht auch an etlichen Tempeln angehalten würde. „Im gründe genommen haben wir in Bangkok an fast jeder Ecke einen Tempel – fast so, wie wir auch überall einen 7-Eleven-Supermarkt haben", meint Nicky schmunzelnd, bevor er am Wat Worawihan anhält. Dieser Tempel hat eine Besonderheit. „Er ist nicht wie die üblichen Pagoden rund und glockenförmig, sondern verfugt über lange gestaffelte Dächer wie die Pagoden in Burma", erläutert Nicky, bevor er mit seiner Gruppe auf den Ruckweg macht. Noch einmal werden die Fahrräder in ein Longtailboat gehievt. Auf den Fluss- und Kanalsystem Bangkoks sind diese Boote ein wichtiges öffentliches Verkehrsmittel. Der letzte Stopp ist ein Trainingszentrum für Thaiboxer – eine Schule, die von der Polizei betrieben wird, in der aber auch Schulkinder trainieren können. „Viele Jungs, insbesondere aus den armen Familien, träumen davon, Profiboxer zu werden. Aber die Konkurrenz ist sehr hart – man muss der Beste der Besten sein, um sich durchzusetzen", sagt Nicky. Wir sehen eine Weile einem vielleicht zehnjährigen Knaben zu, der eifrig und ausdauernd einen Punchingball mit Fausthieben und Fußtritten traktiert. Ob er einmal der beste der Besten sein wird? Wir schwingen und ein letztes Mal auf unsere Räder, der Kleine trainiert unbeirrt weiter.
Reise Magazine - November 2007.pdf
Lesen Sie das original Artikel. pdf, 1,1M




